Als mein Sohn die Katze totfuhr

Finn war sieben Jahre alt, als er eines Tages mit verheulten Augen und einer Rotznase zu mir in die Küche gestürzt kam und zwischen hemmungslosen Schluchzern »Ich habe etwas Schreckliches getan« hervorstieß.

Ich griff nach einem Taschentuch, wischte ihm Rotz und Tränen aus dem Gesicht und zog ihn in meine Arme.

»Was ist passiert?«

»Ich habe sie getötet.« Und schon begannen die Tränen wieder zu laufen.

Es war eine kleine, zierliche Katze mit rotbraunem Fell, die Finn mit seinem Fahrrad überfahren hatte. Weil Finn es nicht über sich brachte, die Katze anzusehen, musste ich ihm bestätigen, was er befürchtete. Die Katze lebte nicht mehr.

Finn war untröstlich.

»Ich bin ein Mörder.«

Ich strich über sein Haar. »Unsinn, es war ein Unfall.« 

 

Finn war zu spät. Es war das erste Mal. Jeden Mittwochabend klingelte er pünktlich um 18 Uhr und brachte mir Blumen mit. Sonnenblumen, Tulpen oder Margeriten. Nur heute nicht. 

Um 18:15 schaltete ich die Kochplatte aus, setzte mich an den Esstisch und wartete. Mit jedem Schritt, den der Minutenzeiger der Küchenuhr zurücklegte, verfestigte sich die Ahnung, dass etwas nicht stimmte. Ich hatte das Gefühl, dass sich mein Leben heute Abend grundlegend verändern würde.

Ich wusste, dass etwas geschehen war, als Finn mit einer Stunde Verspätung ohne Blumen vor mir stand und mir nicht in die Augen sah.

 

Ich hatte sofort an die Katze denken müssen, als er mir Sophie vorstellte. Sie war genauso zierlich und ihre Haare hatten einen rötlichen Schimmer.

»Es freut mich, Sie endlich kennenzulernen. Finn hat schon so viel von Ihnen erzählt.«

So höflich, ein hübsches Lächeln. Finn hielt ihre Hand und konnte seine Augen nicht von ihr abwenden. Finn war 28 Jahre alt und Sophie das erste Mädchen, das er mit nach Hause brachte.

Ich verspürte einen Stich in meinem Herzen. Jetzt war es nur noch eine Frage der Zeit, bis Finn ausziehen würde. 

In dem Moment beschloss ich, darauf zu bestehen, dass ein Tag in der Woche Finn und mir gehören würde. Ab dem Tag, an dem er ausziehen würde.

 

Er saß vor mir, mit geröteten Augen, und hielt seine Hände so verkrampft, dass die Knöchel weiß hervortraten. »Es war ein Unfall.«

Ich wandte mich ab und trat ans Wohnzimmerfenster. Draußen war es dunkel. Außer dem Herbstlaub, welches vom Wind durch die Straße getrieben wurde, regte sich nichts im fahlen Licht der Straßenlaternen.

»Sie wollte mich verlassen. Ich konnte nicht mehr klar denken.«

Ich schloss meine Augen. Ein dumpfes Pochen in meinem Kopf kündigte die Kopfschmerzen an, von denen ich sicher war, dass sie so bald nicht wieder aufhören würden.

Was sagt es über mich als Mutter, dass ich eine süße Befriedigung darüber verspürte, dass Finn sich mir anvertraute? Doch innerlich zuckte ich vor der Hässlichkeit meiner Gedanken zurück und sah Sophie vor mir. Sophie, die sich nicht mehr bewegte. Genau wie die Katze damals.

 

Der Tag von Finns Umzug kam schneller als erwartet. Zwei Monate, nachdem ich Sophie kennengelernt hatte, luden sie mich zum Abendessen in ihre neue Wohnung ein. Ich erinnere mich noch genau, wie beeindruckt ich von der detailverliebten Einrichtung gewesen war. Sophie hatte sogar Topflappen gehäkelt, die farblich auf die Topfuntersetzer und Küchenjalousie abgestimmt waren. 

Finn bestand darauf, mir die neueste Errungenschaft seiner Modellbaureihe zu zeigen: Einen Panzer, an dessen genaue Bezeichnung nur er sich erinnern konnte. Seine Augen leuchteten so wie damals, wenn er vorm Weihnachtsbaum gestanden, und in freudiger Erwartung der Geschenke sein Gedicht aufgesagt hatte.

Kurz darauf kam Sophie dazu und lächelte Finn geduldig an, während er ihr auch nochmal jedes Detail des Panzers präsentierte. 

An dem Tag war ich überzeugt, dass Finn die perfekte Frau gefunden hatte.

 

»Mama, sag doch was.«

Ich war nicht dazu in der Lage. Ich hatte das Gefühl, meine Stimme verloren zu haben. Doch in meinem Kopf schrie sie dafür umso lauter. 

Mein Sohn hat seine Freundin umgebracht.

»Was soll ich nur tun?«

Ich schüttelte meinen Kopf. Ich hatte keine Ahnung. Das war nichts, was ich in einem Erziehungsratgeber hätte nachlesen können.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Welt um uns herum zusammenbrechen würde. Freunde, Verwandte, Bekannte waren immer die ersten Verdächtigen. 

Ich sah die Scheinwerfer, bevor das Auto in unsere Straße einbog. Es war ein Polizeiauto. Kurz vor meinem Haus wurde das Auto langsamer. Ich ließ die Gardinen wieder vor das Fenster gleiten und wandte mich meinem Sohn zu.

»Warum?« Meine Stimme klang etwas belegt, doch angesichts der Situation erstaunlich gefasst. Ich spürte, dass es in mir drin noch diesen kleinen Funken gab, der hoffte, dass nicht alles verloren war. Dass mein Sohn kein eiskalter Killer war. 

Aber machte seine Antwort überhaupt einen Unterschied?

Wieder sah ich die Katze vor mir und den kleinen Jungen, der fast an der Vorstellung verzweifelt war, ein Mörder zu sein.

»Sie wollte gehen. Sie ... Ich hatte Angst davor, allein zu sein.«

Es klingelte an der Tür.

 

Der Raum war kahl. Ein Tisch, zwei Stühle. Die Uhr an der Wand, deren Sekundenzeiger sich als einziges im Raum bewegte. Ich selber hatte viel zu viel Angst, dass jegliche Bewegung von mir ungewollt etwas verraten könnte.

Der Polizist starrte mich einfach nur abwartend an. Er hatte mir eine Frage gestellt. Drei einfache Worte. 

Was sollte ich antworten? 

Das Ticken der Uhr schien immer lauter zu werden, während ich mir vorstellte, wie meine Zukunft aussehen würde.

 

Das Telefon klingelt Tag und Nacht. Ich gehe nicht mehr ran. Doch sie geben nicht auf. Sie warten vor der Tür auf mich, stehen am Gartenzaun mit ihren Kameras und Mikrofonen, werfen mir Fragen zu auf der Suche nach der nächsten Schlagzeile.

»Werden Sie Ihren Sohn im Gefängnis besuchen?«

»Wie konnte es soweit kommen?«

»Lieben Sie ihren Sohn?«

Ich verlasse das Haus nicht mehr.

 

»Waren Sie alleine?«

Die Stimme des Polizisten riss mich aus meinen Gedanken. Zurück in die Gegenwart, aus der ich nicht fliehen konnte. Alles wartete auf meine Entscheidung.

Natürlich liebe ich meinen Sohn.

»Mein Sohn war ab 18 Uhr bei mir. Wie jeden Mittwochabend.«

Und ich hasse ihn dafür.